Interview mit dem pommerschen Bischof zur Nordkirche
„Hier fallen 15 Arbeitsplätze weg“
Die Schaffung der Nordkirche sorgt auch für Unruhe. Leitende Mitarbeiter müssen von Greifswald nach Kiel ziehen. Im OZ-Interview spricht Bischof Hans-Jürgen Abromeit über Einsparungen, Stellenabbau und neue Chancen.
(OZ) - OSTSEE-ZEITUNG: Herr Abromeit, was wird ab Pfingsten 2012 auf Ihrer Visitenkarte stehen?
Hans-Jürgen Abromeit: Auf der Visitenkarte wird stehen Bischof im Sprengel Mecklenburg-Vorpommern, Sitz Greifswald.
OZ: Also in einem neu geschaffenen Kirchenkreis.
Abromeit: Die Pommersche Evangelische Kirche wird dann einer von 13 Kirchenkreisen einer großen Nordkirche sein — einer Kirche, die von der dänischen bis zur polnischen Grenze und von der Insel Sylt bis zur Insel Usedom reicht.
OZ: Die Verwaltung der Nordkirche sitzt dann zentral in Kiel. Werden dann hier in Greifswald Stellen abgebaut?
Abromeit: Es ist eines der Ziele der Nordkirche, dass wir im Bereich Leitung und Verwaltung weniger Geld ausgeben. Wir haben uns vorgenommen, innerhalb der ersten Jahre eine Einsparung von 17 Prozent zu erreichen. Das geht natürlich nur, wenn Aufgaben zentralisiert werden, die wir im Moment parallel in Greifswald, Schwerin und Kiel wahrnehmen.
OZ: Die Verwaltungsmitarbeiter in Greifswald müssten also umziehen oder sich einen neuen Job suchen.
Abromeit: Das hängt von den Mitarbeitern ab. Beschlossen ist, dass es wegen der Nordkirche nicht zu betriebsbedingten Kündigungen kommt. Den Mitarbeitenden werden Stellen in Kiel oder Schwerin angeboten. Gezwungen, umzuziehen, sind allerdings die leitenden Mitarbeiter. Den Ebenen darunter wollen wir adäquate Arbeitsmöglichkeiten in der neu aufzubauenden Kirchenkreisverwaltung anbieten. Im Endeffekt fallen hier etwa 15 Arbeitsplätze weg. Wir hoffen, dass wir mit sozialverträglichen Regelungen Menschen auch freiwillig dazu bewegen, ihren Arbeitsplatz hier aufzugeben und an einen anderen Ort zu gehen.
OZ: Eine Ihrer Bedingungen während des Tauziehens um die künftige Verfassung der Nordkirche war eine Vollmitgliedschaft in der Union Evangelischer Kirchen (UEK), einem Zusammenschluss von 13 evangelischen Landeskirchen. Viele pommersche Protestanten sehen dort ihre Wurzeln. Jetzt gibt‘s doch nur eine Gastmitgliedschaft.
Abromeit: Im Großen und Ganzen bin ich mit der Verfassung sehr zufrieden. Dass es bei insgesamt 129 Artikeln einzelne Formulierungen gibt, die nicht in jedem Fall meine absolute Zustimmung finden, ist normal. Sehr gut ist die föderale Grundstruktur mit Kirchenkreisen, die sehr viele Rechte für sich haben. Wir als Pommern können die Dinge vor Ort weiter so regeln, wie sie die Kreissynode entscheidet. Das schließt auch den Stellenplan inklusive der Pfarrstellen und die Verteilung der Finanzmittel ein. Bei anderen Dingen haben wir Zugeständnisse machen müssen, eben bei der Frage der Mitgliedschaft in der Union Evangelischer Kirchen. Aber wir haben erreicht, dass die ganze Nordkirche, nicht nur der Kirchenkreis Pommern, Gastmitglied sein wird. Wir können dort also in allen Gremien weiter mitarbeiten, allerdings ohne Stimmrecht.
OZ: Wie lautet nun der vollständige Name der Nordkirche?
Abromeit: Evangelisch-lutherische Kirche in Norddeutschland (Nordkirche).
OZ: Sie waren aber im Vorfeld gegen den Zusatz lutherisch.
Abromeit: Die beteiligten Kirchenleitungen hatten beschlossen, im Verfassungsentwurf von der Evangelischen Kirche im Norden zu sprechen. Das wäre in der Öffentlichkeit ein besser kommunizierbarer Name gewesen als so ein Bindestrich-Name.
OZ: Welche Vorteile haben die einzelnen Gemeinden von der Fusion?
Abromeit: Die Gemeinden können langfristig mit stabilen kirchlichen Strukturen rechnen. Die Nordkirchen-Bildung bringt Ruhe und Stetigkeit in unsere Gemeinden. Sie können beispielsweise bei der Besetzung von Pfarrstellen künftig aus einem größeren Pool schöpfen als bisher. Wir haben schon jetzt immer wieder Probleme, Pfarrstellen zu besetzen. Dies wird in Zukunft einfacher. Pfarrer haben Bewerbungsfreiheit innerhalb der gesamten Nordkirche.
OZ: Besteht nicht viel mehr die Gefahr, dass noch mehr Pfarrer Pommern den Rücken kehren?
Abromeit: Es ist ein natürlicher Vorgang, dass Pfarrer etwa alle zehn Jahre ihre Gemeinde wechseln. Viele möchten dann gern einmal in eine andere Region und Neues kennenlernen. Aber es wollen auch viele von außen zu uns. Fast wöchentlich haben wir Anfragen von Pfarrern aus anderen Landeskirchen, denen wir meistens keine Möglichkeiten bieten können. Im Rahmen der Nordkirche wird ein Wechsel in Zukunft einfach. Im Übrigen ist die Bindung der pommerschen Pfarrer an ihre Landeskirche eher stärker als anderswo.
OZ: Stichwort Laienkirche — in der Nordelbischen Landeskirche haben Laien in der Gemeinde einen größeren Einfluss auch auf pastorale Aufgaben. Wird sich diese Entwicklung auf Pommern übertragen?
Abromeit: Das ist vor allem eine Frage des Selbstbewusstseins der Gemeinden. In Pommern ist das ehrenamtliche Engagement in Städten wie Greifswald und Stralsund vergleichbar mit den Verhältnissen in Nordelbien. Im ländlichen Raum ist das anders. Das hängt vor allem mit den Traditionen zusammen.
OZ: Aber gerade auf dem Land, wo Pfarrer zehn Kirchen und mehr betreuen, wäre diese Unterstützung doch besonders wichtig.
Abromeit: Ja, das ist ganz wichtig. Wenn ein Pastor bis zu 13 Kirchen betreuen muss und er dann auf zwei bis drei ehrenamtliche Prediger, so genannte Prädikanten, zurückgreifen kann, ist das eine Erleichterung, stellt aber zugleich andere Anforderungen an den Pfarrberuf dar.
Interview: B. FISCHER
(Ausgabe vom 5.11.2010)
Aus: www.ostsee-zeitung.de



