Interview mit Bischof Abromeit: Die Nordkirche ist ein Kompromiss ohne Alternative
Greifswald (kiz). Die mecklenburgische und pommersche Kirchenzeitung sprach mit dem pommerschen Bischof über den Fusionsvertrag zu einer Nordkirche und die Zukunft Pommerns.
Gleich nach Unterzeichnung der endgültigen Fassung des Fusionsvertrages zur Bildung einer Nordkirche am 5. Februar in Ratzeburg waren wir mit dem mecklenburgischen Landesbischof Dr. Andreas v. Maltzahn im Gespräch (Ausgabe 8). Erst jetzt konnte Tilman Baier den pommerschen Bischof Dr. Hans-Jürgen Abromeit nach seiner Rückkehr mit Hindernissen aus der südafrikanischen Partnerkirche zum selben Thema interviewen:
Herr Bischof, warum haben Sie den Fusionsvertrag unterschrieben?
Als pommerscher Bischof habe ich die Aufgabe, für die Zukunft der Pommerschen Evangelischen Kirche zu sorgen – und genau darum brauchen wir eine Struktur, die nachhaltig genug ist, um Kirche aus eigenen Kräften zu gestalten.
Doch unsere Kirche hat es nach der friedlichen Revolution 1989 nicht geschafft, genügend eigene Mittel zu erlangen. Darum kam die Einladung aus Nordelbien zur Bildung einer Nordkirche zur rechten Zeit. Wer langfristig Kirche mit den und für die Vorpommern leben will, der sollte für den Fusionsvertrag sein.
Was waren die besonderen Knackpunkte in den Verhandlungen und wie sehen Sie den Weg bis hierher?
Der wesentliche Knackpunkt scheint mir darin zu liegen, dass in den beteiligten Kirchen unterschiedliche Kulturen gewachsen sind. Kirche im Osten Deutschlands ist stärker darauf eingestellt, Kirche für andere zu sein. Kirche im Westen Deutschlands gestaltet Kirche überwiegend für die, die dazu gehören – und muss daher viele Rücksichten nehmen, auch auf die Mitarbeiter.
Es gibt in der künftigen gemeinsamen Kirche viel Nordelbien, aber ich konnte zu dem Kompromiss, den dieser Vertrag darstellt, Ja sagen, weil es sich nur um vorletzte Fragen handelt und weil wir die große Bereitschaft der Nordelbier wahrgenommen haben, uns im Osten entgegen zu kommen – sie sind eben nur wirklich viel mehr und das hat sein eigenes Gewicht.
Was hat die Pommersche Kirche einzubringen in die neue Kirche in Norddeutschland?
Es sind vor allem zwei Dinge: Ganz pragmatisch ist es die Fähigkeit, mit bescheidenen Mitteln auf begrenztem Raum viel Gutes zu tun. Sie hat das lernen müssen, weil sie finanziell nie ausreichend ausgestattet war. Diese Fähigkeit lässt sich in Zukunft auch in der ganzen Nordkirche und darüber hinaus gut gebrauchen.
Theologisch gesprochen ist es die Auslegung des Lutherischen Bekenntnisses in der Tradition der Bekenntnissynode von Barmen: Das bedeutet die Konzentration auf Jesus Christus und die Ausrichtung des gesamten kirchlichen Lebens auf ihn hin. Das Miteinander in der Kirche ist als das Zusammenleben von Schwestern und Brüdern zu gestalten. Es schließt ein politisches Wächteramt für die Kirche ein.
Und welche Grundsätze der Pommerschen Kirche werden Sie für die gemeinsame Kirche aufgeben müssen?
Leider konnten wir unsere Partner, vor allem in Nordelbien, nicht davon überzeugen, die Gestaltung des kirchlichen Leitungsamtes als Einheit zu übernehmen, wie sie in den meisten Gliedkirchen der Union auch aus „Barmen“ resultiert: Diese Einheit des Leitungsamtes beruht auf der Erkenntnis, dass theologisch-geistliche und administrative Leitung nicht getrennt werden können. So sind bisher in der Pommerschen Evangelischen Kirche die Dezernenten des Konsistoriums ebenso in der Kirchenleitung wie in der Synode vertreten. Mecklenburg geht da einen Mittelweg.
Diese Einbindung scheint mir hilfreich zu sein, um Tendenzen der Verselbständigung zu wehren. Wir wollten zusammen mit den Mecklenburgern darum auch, dass der Präses der Synode Mitglied der Kirchenleitung ist. Aber wie gesagt, dies ließ sich gegenüber Nordelbien nicht durchsetzen.
Was macht Ihnen Sorge, wenn Sie an Pommern innerhalb der Nordkirche denken?
Die Bildung einer Nordkirche ist insgesamt ein Veränderungsprozess in kirchengeschichtlichen Dimensionen. Selbstverständlich habe ich darum Sorge, ob uns das Zusammengehen bis ins Letzte gelingt . Es kommen soviel Veränderungen auf uns zu. Darum finde ich es gut, dass es für den Übergang einen Zeitraum von 2012 bis 2019 geben wird, in dem wir uns kontinuierlich weiter aufeinander zu bewegen können.
So hoffe ich, dass es uns gelingen wird, die Mitarbeitenden in diesem Prozess so mitzunehmen zu können, dass sie ihren Platz finden werden.
Was geschieht mit den Mitarbeitenden aus dem Greifswalder Konsistorium?
Damit die Nordkirche auf der Ebene der Verwaltung zusammenwächst, ist es sehr wichtig, dass im Landeskirchenamt in Kiel auch bisherige Mitarbeitende aus dem Greifswalder Konsistorium dabei sind. Wir brauchen dort Menschen, in denen die Erfahrungen aus Mecklenburg und Vorpommern präsent sind und die die Fähigkeit mitbringen, zu integrieren.
Es wird aber für eine Übergangszeit auch die Möglichkeit für Mitarbeitende aus dem Konsistorium geben, dort weiter zu arbeiten, wenn aus sachlichen Gründen oder aus Gründen der ganz persönlichen Kosten-Nutzen-Rechnung ein Umzug nach Kiel nicht sinnvoll ist. Für den Übergang können auch Aufgaben des Landeskirchenamtes von Kiel nach Greifswald delegiert werden.
Wird also eine künftige Verwaltung des Kirchenkreises Pommern eine nachgeordnete Stelle des Landeskirchenamtes?
Nein, so kann man das nicht sagen. Die Autonomie der Kirchenkreise ist sehr weitgehend im föderalen Aufbau der nordelbischen Kirche, der Vorbild ist für die Struktur der gemeinsamen Kirche. Die Kirchenkreisverwaltung ist den Leitungsgremien des Kirchenkreises zugeordnet. Sie ist nicht dem Landeskirchenamt untergeordnet. Das heißt aber auch, dass sie sich an den Standards des gemeinsamen Verwaltungsgesetzes messen lassen muss.
Stichwort Gehälter und Besoldung: Was ist der Vorteil der nun geschaffenen Regelungen?
Die Zielsetzung, im Jahr 2020 eine Angleichung der Gehälter im Bereich des künftigen Sprengel Mecklenburg-Vorpommern an die Gehälter im Westteil der gemeinsamen Kirche vollzogen zu haben, gibt dem Gerechtigkeitsaspekt Ausdruck. Gleichzeitig ist es wichtig, dass diese Angleichung so behutsam erfolgt, dass nicht Strukturen in den beiden östlichen Gliedkirchen wegbrechen.
Bedeutet das eine Bestandssicherung für die Mitarbeiterstellen in Pommern und Mecklenburg?
Letztlich ist es eine faktische Bestandssicherung für alle Partner, wenn im Fusionsvertrag festgeschrieben ist, dass es wegen der Gehaltsangleichung keine Reduktion der Stellenpläne geben darf. Diese Formel wird durchaus ernst genommen, auch wenn damit zu rechnen ist, dass es ab dem Jahr 2020 für alle durch andere Faktoren wie die demographische Entwicklung Veränderungen geben wird.
Keine Einigung gab es beim Arbeits- und Tarifrecht für angestellte Mitarbeitende. Während Nordelbien auf dem Gegenüber von Kirche und Gewerkschaft beharrt, wollen Pommern und Mecklenburg den sogenannten „Dritten Weg“ ohne Gewerkschaften weiter gehen. Was ist Ihnen daran so wichtig?
Wir sind mit der ganz großen Mehrheit der Gliedkirchen der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) der Meinung: für die kirchenspezifischen Gegebenheiten ist der sogenannte Dritte Weg angemessener. Denn hier sitzen sich in der Arbeitsrechtlichen Kommission auf beiden Seiten Menschen gegenüber, die die Besonderheiten der Arbeit in Kirchengemeinden kennen. Zudem ist er, wie es der mecklenburgische Landesbischof v. Maltzahn gesagt hat, auch Teil des Selbstbestimmungsrechtes der Kirchen in den Fragen der Gehaltsstrukturen.
Dazu kommt, dass im Bereich der EKD-Ost nicht einfach eine Kirchenleitung der Mitarbeitervertretung ihrer Kirche gegenüber sitzt, sondern dass dies in einem größeren Rahmen mehrerer Ost-Landeskirchen geschieht. Die Arbeitsrechtliche Kommission ist ein sehr gut durchdachtes, fein austariertes System.
Wieso hält Nordelbien dann so fest an der Gewerkschaft als Gegenüber fest?
Nordelbien hat wohl zur Zeit nicht die Muße, in Ruhe darüber nachzudenken. Darum ist es gut, dass es hier eine Übergangszeit von sechs Jahren geben wird, wo nebeneinander die bisherigen jeweiligen Regelungen bestehen bleiben. Wir können dann später sehen, welcher Weg der angemessene ist.
Ich halte nach wie vor unseren Weg für einen sehr guten, um in der Kirche bei strittigen Arbeits- und Tariffragen zu einer angemessenen Lösung zu kommen. Wir sollten ihn nicht aufgeben.
Noch einmal die Grundsatzfrage: Was haben die Kirchengemeinden von alledem?
Wir sind in die Verhandlungen um eine gemeinsame Kirche im Norden gegangen, damit es auch in Zukunft in Vorpommern christliche Gemeinden geben kann, die Gott die Ehre geben und ihre Kirchen als Orte der Verkündigung nutzen.
Seit Jahren sind die Haushalte permanent im strukturellen Defizit. Es wurde sehr deutlich, dass es zu einer Lösung kommen muss. Die rund 5 Prozent Finanztransfer aus den Kirchenkreisen der heutigen nordelbischen Kirche werden uns sehr helfen.
Ist das wesentlich mehr als der bisherige Finanzausgleich innerhalb der EKD?
Ja, wesentlich mehr. Zudem geht der ja nicht verloren, sondern geht in den Haushalt der gemeinsamen Kirche in Norddeutschland. Wir werden zwar nicht im Reichtum schwimmen, aber die letzten Jahre waren durch ständige Reduktion bestimmt. Es war niederschmetternd, als ich das erste Gutachten sah über die Zukunft der Pommerschen Evangelischen Kirche in zehn Jahren.
Die Gemeinden haben also von einer gemeinsamen Kirche im Norden, dass flächendeckende Strukturen erhalten bleiben können. Selbstverständlich ist es ein entsagungsvoller Weg, als Landeskirche die Autonomie aufzugeben. Und wer sagt, dass dieser Weg ohne Schmerzen zu gehen ist, dem glaube ich nicht.
Wird die Nordkirche kommen?
Ja, denn sie scheint mir alternativlos zu sein. Sie ist keine lupenreine Kirchenneugründung. Klar, sie ist ein Kompromiss. Doch wenn sie jetzt nicht kommt, dann kommt sie später.
Ebenso wie der Nordstaat, um den gerade einmal wieder kurz debattiert wird? Ministerpräsident Erwin Sellering, ebenso westfälischer Herkunft wie Sie, lehnt den Nordstaat ab. Was sagen Sie ihm?
Es hat seit 1949 – mit einer Ausnahme - keine Veränderungen von Bundeslandgrenzen gegeben. Das zeigt, wie schwer ein solcher Zusammenschluss ist. Aber vielleicht fällt ja dieser Schritt in wirtschaftlich schwierigen Zeiten leichter. Man wird im einzelnen aufzeigen müssen, wo die Vorteile eines Nordstaates liegen. Ausschließen würde ich eine solche Lösung nicht.
Aus: Mecklenburgische und Pommersche Kirchenzeitung
Ausgabe vom 8.3.2009




