Nordkirche: Gauck fordert Klärung von Mentalitätsfragen
Hamburg/Schwerin (epd). Die Klärung unterschiedlicher Mentalitätsfragen ist nach Ansicht des evangelischen Theologen Joachim Gauck die vordringlichste Aufgabe auf dem Weg zu einer Nordkirche. Dazu gehöre der offene Austausch über die "radikale Andersartigkeit der Bürgerexistenz" in Ost- und Westdeutschland der vergangenen 50 Jahre, sagte der ehemalige Beauftragte für die Stasi-Akten am Donnerstagabend in Hamburg auf einem Forum über "Perspektiven, Chancen und Grenzen der Nordkirche".
"Wessis" müssten vor allem lernen, mehr von ihrer Demokratiegeschichte zu erzählen, sagte Gauck. "Ossis" dagegen sollten aufhören, insgeheim auf ihre Leidensgeschichte der Unfreiheit und verordneten Ohnmacht stolz zu sein. "Die Neubesichtigung unserer Möglichkeiten würde eine Beziehung schaffen, die noch vor der Nächstenliebe kommt", sagte Gauck, der bis 1990 mecklenburgischer Pastor in Rostock war.
Nicht Finanz-, Standort- und Strukturfragen sollten bei der für 2012 geplanten Fusion Nordelbiens, Mecklenburgs und Pommerns im Vordergrund stehen, sondern die Besinnung auf Theologie, Glaube, Gebet und Gesang. "Je intensiver die Glaubensinhalte und die praktische Diakonie gelebt werden, desto schneller kann die Nordkirche zusammenwachsen", sagte Gauck. Wenn sich die Christen und Bürgerrechtler 1989 mit Statusfragen aufgehalten hätten, wären sie "mit der DDR untergegangen".
Karl-Heinrich Bieritz, bis 1996 Professor für Praktische Theologie in Rostock, sprach sich für eine "flache Hierarchie und schlanke Verwaltung" aus. Ein erfolgreiches Kirchenmodell wie das nordelbische biete die Chance, regionale Besonderheiten zu wahren. In einem Europa, in dem die Nationen an Gewicht verlören, komme kleineren Räumen eine neue Bedeutung zu.
Auch Superintendent Ulrich Tetzlaff aus Greifswald betonte die "heilsamen Provokationen" der Ost-West-Auseinandersetzung innerhalb einer Nordkirche. (31.10.2008)



