Interview mit Bischöfin Wartenberg-Potter
Schwerin (svz). Unter dem Titel „ Kein Bischof in Schwerin?“ führte der Berliner Journalist Benjamin Lassiwe ein Interview mit der Lübecker Bischöfin Bärbel Wartenberg-Potter, der Vorsitzenden der Steuerungsgruppe Nordkirche:
Frau Bischöfin, wann wird es eine gemeinsame Kirche im ganzen Norden geben?
Wir haben bis zum Herbst 2007 sondiert, und dann in den drei Synoden den Beschluss gefasst, auf einen Fusionsvertrag zuzugehen. Der soll im Herbst 2008 in den Synoden vorliegen und gefasst werden. Darin wird dann auch der Zeitrahmen bis 2011 entfaltet, in dem die drei Kirchen in aller Ruhe die Details ihres gemeinsamen Weges entscheiden können.
In dem Fusionsvertrag kommen sehr ungleiche Kirchen zusammen: Nordelbien und die beiden Kirchen in MV, die zusammen kleiner sind, als der größte Kirchenkreis Nordelbiens. Wie garantieren Sie faire Verhandlungen?
Wir haben von Anfang an eine paritätische Besetzung der Verhandlungskommissionen beschlossen. Es reden vier und vier und vier aus jeder Kirche, auf gleicher Augenhöhe, miteinander. Denn wir wollen als Kirchen ein Zeugnis davon ablegen, dass man eben doch unter Absehung von Größen- und Machtverhältnissen miteinander verhandeln kann. Wir wollen uns als Geschwister begegnen, die ihre jeweiligen Stärken und ihre jeweilige Geschichte in die neue Kirche einbringen. Und das tun wir vielleicht auch im Gegensatz zu dem, wie es politisch zuweilen passiert, in paritätischer Form.
Nun sind die drei Kirchen theologisch sehr unterschiedlich geprägt. Nordelbien ist eher liberal, Pommern eher konservativ. Wird man da zusammenkommen?
Nordelbien ist ja selbst das Ergebnis eines Fusionsprozesses aus insgesamt fünf Kirchengebieten. Wir haben damals gelernt, dass Verschiedenheit auch eine Stärke sein kann. Wir haben gelernt, dass evangelische Frömmigkeit und protestantisches Ethos Vielfalt spiegelt und nicht als Bedrohung, sondern als Bereicherung erlebt werden kann.
Welche Rolle wird denn MV im Rahmen einer solch vielfältigen Kirche spielen?
Wir haben gesagt, dass wir auf die jeweilige Geschichte besonders achten wollen. Unsere Geschwister im Osten haben Erfahrung mit dem Leben als Minderheit in einem atheistischen, säkularen Umfeld. Davon können wir etwas lernen, denn die Christen in Ostdeutschland verfügen heute über ein gestärktes Selbstbewusstsein und ein Erfahrungswissen, das uns im Westen vielfach fehlt.
Wird man auch in einer Nordkirche die Erfahrungen des Umgehens mit geringeren Finanzkräften brauchen? Werden die Sparkurse weitergehen?
Wir haben ja in Nordelbien unsere eigene Reform angefangen, weil wir mit weniger finanziellen Mitteln auskommen müssen. Aber verglichen mit den Geschwistern im Osten sind wir noch immer reich, wenn auch nicht mehr so reich wie früher.
Welche Folgen wird die Nordkirche für die kirchlichen Arbeitsplätze in MV haben? Wird es durch die Verlagerung von Aufgaben vielleicht sogar neue Stellen geben?
Das hängt von der Entscheidung über Standorte ab. Mit der Verantwortung für Arbeitsplätze müssen wir besonders vorsichtig umgehen.
In Mecklenburg-Vorpommern gibt es derzeit zwei evangelische Landesbischöfe. Ist das künftig noch denkbar, wenn man bedenkt, dass ein nordelbischer Kirchenkreis größer als die Kirchen in MV ist?
Bischöfe sind wichtige Identifikationsfiguren. Wir denken, dass man Übergangslösungen braucht, die den Menschen und ihrem Bedürfnis nach Repräsentation und dem geistlichen Selbstverständnis gerecht wird. Insofern kann ich mir denken, dass man für eine Übergangszeit auch diese beiden Bischofsämter beibehält, ob dies auch die langfristige Lösung ist, muss man dann sehen.
Wird ein Bischof in der Landeshauptstadt Schwerin sitzen?
Das ist noch ganz offen. Wir müssen uns auch die Frage stellen, wie viel geistliche Leitung wir brauchen, und vor allem, wo wir geistliche Leitung brauchen. Ein Bischof ist ja nicht nur Repräsentant der Kirche nach außen, er ist ja auch Seelsorger und geistlicher Leiter der Kirche. Das ist wichtig, aber ebenso wichtig ist im Blick auf die Geschwister in Mecklenburg-Vorpommern der geschichtliche Aspekt.
Welchen geschichtlichen Aspekt muss man denn da beachten? Spielen Sie auf Ratzeburg an, wo sich ja schon viele kirchliche Einrichtungen befinden?
Der geschichtliche Aspekt und die Zukunftsfähigkeit wollen bedacht werden. Hat ein Ort kirchliche Tradition oder soll er eher zukunftsorientiert an der Sichtbarkeit oder nach der symbolischen Bedeutung gewählt werden. Für jede Position gibt es gute Argumente. Die Geschichte darf man aber nicht vergessen.
Wie sieht es denn bei den theologischen Fakultäten aus? Eine neue Nordkirche hätte vier theologische Fakultäten in Rostock, Hamburg, Greifswald und Kiel. Wird man alle erhalten können?
Über die Fakultäten können wir im Fusionsprozess nicht entscheiden. Das muss auf einer anderen Ebene diskutiert werden.
(SVZ - 15.3.2008)
Mit freundlicher Genehmigung von B. Lassiwe




