Im Norden entsteht Deutschlands Küstenkirche

Hamburg (epd). Mit Gründung der Nordkirche 2012 werden an der Ostsee zwei Spitzenregionen des Tourismus kirchlich zusammenwachsen. Doch die notwendige Infrastruktur für eine attraktive Urlauber-Seelsorge fehle sowohl in Schleswig-Holstein als auch Mecklenburg-Vorpommern, heißt es in der Auswertung einer Tourismustagung, die Ende März im mecklenburgischen Fleesensee (Müritzkreis) stattfand. Derzeit lebe die Urlauberseelsorge vom Engagement weniger Einzelkämpfer, sagte Ulrich Schmidt vom Nordelbischen Gemeindedienst dem epd.

Nach der jüngsten BAT-Tourismusanalyse 2010 hat der Norden die Bayern abgehängt. Befragt nach den Zielen ihrer längsten Urlaubsreise in 2009 gaben 6,8 Prozent Mecklenburg-Vorpommern, 5,6 Prozent Schleswig-Holstein und 8,1 Prozent Bayern an. Vor allem Ruheständler zieht es nach Bayern, während die Ostseeküste zwischen Boltenhagen und Usedom meist Jugendliche und junge Erwachsene anzieht. Nicht nur an die Ostseeküste von Mecklenburg-Vorpommern kommen besonders viele Urlauber aus den ostdeutschen Bundesländern, auch an der schleswig-holsteinischen Ostseeküste sind "Ossies" häufiger zu finden als "Wessies".

Das Angebot der Kirchen an Nord- und Ostsee ist breitgefächert: So hat die Urlauberseelsorge im Nordseebad St. Peter-Ording ein eigenes Strandboot für Veranstaltungen gebaut, das in den nächsten Tagen wieder zum Strand geschleppt wird. Auch an der Kieler Förde werden Gottesdienste am Strand gefeiert. Im Ostseebad Rerik werden für Kinder Nachtführungen in der Kirche angeboten, in den "Kaiserbädern" von Usedom rund 50 Konzerte, Kultur-Abende und spezielle Gottesdienste mit Urlauber-Predigten.

Die Kapelle von Vitt auf Rügen ist bei gutem Wetter von Radlern ebenso überfüllt wie die Kirche von Warnemünde bei Ankunft der Kreuzfahrer. Ehrenamtliche von "Kirche unterwegs" sind mit Zelt und Urlauberprogramm auf vielen Campingplätzen an der Nordsee aktiv. Der Besuch der monumentalen Backsteinkirchen in Lübeck, Wismar oder Stralsund gehört zum Standardprogramm der Ostseetouristen. Nach den Worten von Mathias Löttge, Präsident des Tourismusverbandes Mecklenburg-Vorpommern, werden die Kirchen zunehmend sensibler für den Fremdenverkehr. So seien immer mehr Gotteshäuser in den Sommermonaten für die Touristen geöffnet.

Allerdings seien viele Gemeinden in den Urlaubsgebieten personell unterbesetzt, weil sich ihre Ausstattung zu eng an den Gemeindegliederzahlen orientiere, beklagt Kersten Koepcke vom mecklenburgischen Gemeindedienst. In der Sommerzeit müsse sich eine Gemeinde auch für die Auswärtigen öffnen. Auch die zahlreichen Saisonkräfte und Zweitwohnungsbesitzer in den Urlaubsorten würden von den Gemeinden meist nicht erreicht.

Gerade im Urlaub, so das Resümee der Tourismus-Experten, seien die Menschen aufgeschlossen für neue Begegnungen und auf der Suche nach spiritueller Erfahrung. Es sei Aufgabe der gastgebenden Kirche, ihnen eine "Gemeinde auf Zeit" zu bieten, heißt es in dem Papier. Die Urlauber könnten dann ihre positiven Erfahrungen in ihre Heimatgemeinden in Nordrhein-Westfalen, Hessen oder Brandenburg mitnehmen. Allerdings müsse das besondere Engagement der Urlaubskirche bei den Ausgleichszahlungen innerhalb der Landeskirchen stärker berücksichtigt werden.

Die Verantwortlichen in Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern wüssten um die Bedeutung der Urlauberseelsorge, sagte Oberkirchenrat Michael Ahme, Leiter der Arbeitsstelle Nordkirche in Schwerin. Dies werde der Nordkirche ein besonderes Profil geben. Im Vordergrund stehe derzeit aber der rechtliche Rahmen für die Gründung der Nordkirche. Dies binde viele Kräfte. Außerdem sei die Ausgestaltung der Urlauberseelsorge Aufgabe der Nordkirchen-Synode (Kirchenparlament), die erst noch gegründet werden müsse.

Die Bedingungen für ein ansprechendes Kirchenprogramm sind nach Einschätzung der Tourismus-Experten auch deshalb günstig, weil das Milieu der Urlauber im Norden dem der Kirchengemeinden recht ähnlich sei. Auf Usedom wurde bereits ein "Christliches Gastgeberverzeichnis" aufgelegt, das Urlaubsgäste mit Kirchenmitgliedern in Kontakt bringt. Kennzeichen der Ostsee-Urlauber sei auch eine gewisse Treue zum Urlaubsort. So hat der Heringsdorfer Pastor Tilman Beyrich beobachtet, dass auf Usedom regelmäßige Urlauber bereits im örtlichen Posaunenchor mitspielen. (26.6.2010)

Von Thomas Morell (epd).