Lust auf Begegnung in der Mitte der Nordkirche
Ludwigslust (kiz). Mit dem Bildungshaus gibt es ein kleines, aber starkes kirchliches Kompetenzzentrum in Ludwigslust.
Von Kompetenzzentren wird in den letzten Jahren viel geredet – auch im Raum der Kirchen. So hat die Evangelische Kirche in Deutschland u.a. ein Kompetenzzentrum für Predigt in der Lutherstadt Wittenberg eingerichtet, ein Zentrum für Kirchenmusik in Hildesheim und ein Zentrum für Mission, zu dem auch das Institut für Mission und Evangelisation an der Universität Greifswald gehört.
Auch in der mecklenburgischen Landeskirche Mecklenburgs soll ein solches Kompetenzzentrum entstehen, das alle kirchlichen Werke und Dienste bündelt, die im angestrebten Kirchenkreis Mecklenburg für die Gemeinden Dienstleistungen erbringen und Impulse setzen. Die Landessynode Mecklenburgs hatte sich nach langer Debatte für den Standort Rostock und damit gegen den Vorschlag des Oberkirchenrates entschieden, der Güstrow vorsah.
Einen wichtigen Ausschlag für das Votum der Synode hatte dabei ein Vorschlag aus dem Kirchenkreis Rostock gegeben: Durch den Auszug der Kirchenkreisverwaltung aus der Nikolaikirche der Hansestadt würden Räume frei, die sowieso unterhalten werden müssen. Da könnte doch dort das neue Regionalzentrum einziehen.
Erstaunen machte sich darum unter den Synodalen breit, als sie kurz vor der Sommerpause Post aus dem Oberkirchenrat erhielten: Das Kuratorium der Nikolaikirche Rostock habe mitgeteilt, so hieß es in dem Schreiben, dass es nicht alle Räume im Turm und im ausgebauten Dachgeschoss freigegeben könne und darum nicht ausreichend Platz für ein Regionalzentrum der Dienste und Werke zur Verfügung stünden. Nun sei man, so heißt es in dem Schreiben weiter, auf der Suche nach Alternativen in der Hansestadt.
Synergieeffekte auf dem Flur
Auch wenn in Rostock noch vieles unklar ist - ein funktionierendes Kompetenzzentrum besitzt die Landeskirche bereits seit Jahren, das sich bescheiden „Bildungshaus“ nennt: Rund 130 Kilometer südwestlich von Rostock sind in Ludwigslust das Theologisch-Pädagogische Institut (TPI), das Pastoralkolleg für Fort- und Weiterbildung und das gemeinsam mit der Pommerschen Evangelischen Kirche betriebene Predigerseminar angesiedelt, in dem auch gemeinsame Kurse mit Vikaren aus Nordelbien statttfinden.
Damit ist das Bildungshaus mit seinen sechs Mitarbeitenden und der Übernachtungsmöglichkeit für 34 Gästen eine hervorragende Stätte der Begegnung. Nicht selten sind drei sehr unterschiedliche Gruppen gleichzeitig im Haus: Vikare aus Mecklenburg-Vorpommern und Vikarinnen aus Hamburg und Schleswig-Holstein treffen so auf Gemeindepädagogen, Religionslehrerinnen begegnen in den Pausen auf dem Flur Erziehern aus Kindertagesstätten, Pastorinnen treffen auf Ehrenamtliche, Christinnen auf Konfessionslose. Erstmals werden in den kommenden Monaten bei ökumenischen Weiterbildungsveranstaltungen hier auch Protestantinnen auf Katholiken treffen. Und, da das Bildungshaus im ehemaligen Diakonissenmutterhaus des Stiftes Bethlehem angesiedelt ist, kommt es auch zu alltäglichen Begegnungen zwischen Kursteilnehmern und der Mitarbeiterschaft des Krankenhauses in der Kantine oder in der Stiftskirche.
Mehr als eine Strukturfrage
So berühren sich im Bildungshaus ganz verschiedene Arbeitsbereiche und Lebenshorizonte. Besonders im Blick auf die geplante Fusion der drei Landeskirchen im Norden will das Bildungshaus ein Ort des Austausches sein. Im 52 Seiten umfassenden Angebotskatalog für die kommenden zwölf Monate heißt es darum auch stolz und werbend: „Wir sind froh, dass durch den Wegfall der Grenze ein fachlicher Austausch zwischen Menschen aus verschiedenen Bundesländern in Ludwigslust möglich wurde und zunehmend Kolleginnen und Kollegen aus Hamburg und Schleswig-Holstein die Angebote unseres Hauses annehmen. Hier bei uns in der Mitte der künftigen Nordkirche besteht die Chance, sich an einem verkehrsgünstig gelegenen Ort zu begegnen.“
Für den Rektor des TPI, Dr. Hartwig Kiesow, ist klar: „Bei einer Fusion kann es nicht vorrangig um Strukturen gehen. Uns ist es ein Kernanliegen, die Kommunikation des Evangeliums von Jesus Christus voranzutreiben.“ Darum soll, so lautet der Anspruch der Mitarbeiterschaft an sich selbst, das Bildungshaus mehr sein als ein binnenkirchlicher Treffpunkt. Besonders „Berufsgruppen auf Außenposten unserer Kirche“, wie es Kiesow formuliert, sollen angesprochen werden, hier den Austausch zu suchen.
Ein Aufeinanderzugehen fordern nach Liesows Ansicht auch die verschiedenen Traditionen und Berufsbilder in den drei Landeskirchen Mecklenburg, Nordelbien und Pommern zum Beispiel in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. Und da die Konzepte für den Religionsunterreicht in den drei Bundesländern Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein sehr unterschiedlich sind, „ist dort auch noch viel zu tun“.
Ehrenamtskurs grenzenlos
Für 340 Religionslehrerinnen, 150 Gemeindepädagogen und 630 Erzieherinnen in Mecklenburg bietet das TPI Fort- und Weiterbildungen an, die auch von Gästen aus Pommern und Nordelbien gern genutzt werden. Ein besonderes Experiment ging in diesem Frühjahr nach einem Jahr zu Ende: Das TPI und die Ehrenamtsakademie der mecklenburgischen Landeskirche hatten zu einem Ehrenamtlichenkurs „Familien und Kindern in der Kirche ein Zuhause geben“ eingeladen, der nun alle zwei Jahre stattfinden soll.
Von den 16 Frauen und einem Mann, die aus Mecklenburg, Pommern und Nordelbien kamen, haben 15 den Kurs erfolgreich absolviert. Dabei geschah die Qualifikation, erläutert TPI-Studienkeiterin Cornelia Micolajczyk, vor allem vor Ort, „wo sich Menschen konkret engagieren“. In gemeinsamen Veranstaltungen wurde dann überlegt, wie sich die Arbeit professionalisieren und organisatorisch vernetzten lässt. Kirchenpädagogik stand ebenso auf dem Programm wie „Reformationsgeschichte vor Ort“ in der Lutherstadt Wittenberg.
Ein zusätzlicher Lerneffekt war das Wahrnehmen der Situation in den anderen Landeskirchen. So waren für Anke Sahlmann, die sich in einer Gemeinde im Großraum Hamburg engagiert, das Wort „Christenlehre“ ebenso wie das Berufsbild „Gemeindepädagoge“ bisher völlig unbekannt. Sylvia Zander aus der Kirchengemeinde Putbus auf Rügen dagegen wusste nicht, dass es im Westen keine Christenlehre gibt. Anja Basch aus der Kirchgemeinde Bad Doberan war vor einiger Zeit aus dem Westen „mit manchen Ängsten“ zugezogen. Vieles sieht sie inzwischen positiv. Doch frustrierend sei es in ihrem Dorf, anders als in Doberan, die ablehnende Haltung gegenüber der Kirche zu spüren: „Nicht die Kinder sind das Problem“, meint sie, „die sind in Ost und West gleich. Das Problem sind die Eltern und deren große Angst, dass die Kirche ihre Kinder vereinnahmt.“ Grenzen zu überschreiten ist immer ein Wagnis – ob in Ost oder West oder zwischen beiden.
Impulse gegen Alltagstrott
Auch die zweite Säule des Bildungshauses in Ludwigslust überschreitet Grenzen. Die Fort- und Weiterbildung will die Mitarbeiterschaft im Verkündigungsdienst, vor allem Pastorinnen und Gemeindepädagogen, angeregen, durch ein vielfältiges Angebot von Kursen zu grundlegenden und aktuellen Themen ausgetretene Pfade in der Gemeindearbeit und im theologischen Denken wieder einmal zu verlassen.
Dr. Jürgen Weiß, Pastor für Fort- und Weiterbildung in der Landeskirche Mecklenburgs, ist ebenso zuständig für die Begleitung der jungen Pastorenschaft in den ersten drei Dienstjahren. Zudem bietet er in Ludwigslust Supervisionen für Mitarbeitern im Verkündigungsdienst an und kommt dazu auch in Kirchgemeinden.
Auch diese Arbeit profitiert vom gemeinsamen Bildungshaus in Ludwigslust, ebenso wie sie spezielle Impulse an die beiden anderen Bereiche TPI und Predigerseminar weitergibt. Auch wenn es schon lange gute Kontakte zum Pastoralkolleg von Nordelbien und Pommern in Ratzeburg gibt, so ist Jürgen Weiß immer noch davon überzeugt, dass das Bildungshaus eine bewährte und zukunftsfähige Kooperation dreier kirchlicher Bildungseinrichtungen mit vielen Synergieeffekten ist.
Zukunftsgemeinde auf Zeit
Das Predigerseminar ist die dritte Säule des Bildungshauses in Ludwigslust. Hier wird die gemeinsame Zukunft der drei Kirchen schon heute sichtbar, ist dessen Rektor Hubertus Hotze überzeugt. Der Start ins Berufsleben der dort heute lernenden nächsten Pastorengeneration fällt mit dem Start der Nordkirche zusammen. Darum ist ihm auch so wichtig, dass das Bildungshaus in Ludwigslust ein Ort der Kooperation ist:
Bereits seit einiger Zeit werden im Predigerseminar neben „Pastorlehrlingen“ aus Mecklenburg auch pommersche Vikare nach dem Theologiestudium ausgebildet und von hier aus während ihrer Praxiszeit in Schulen und Gemeinden betreut. Dazu gekommen ist seit fünf Jahren der sogenannte „Kooperationskurs Einführung in die Gemeinde“ mit Vikaren aus Nordelbien.
Hier stellen sich die Vikare gegenseitig ihre Ausbildungsgemeinden mit dem Umfeld vor - und ein Besuchsprogramm ermöglicht, andere Gemeinden und Lebenswirklichkeiten kennenzulernen. „Wir haben das große Ziel, dass es in der künftigen Nordkirche immer eine Vikariatsgruppe gibt, deren Mitglieder in östlichen und westlichen Ausbildungsgemeinden leben.“
„Wir“ – das umfasst Rektor Hubertus Hotze aus Ludwigslust und die Mitarbeiterschaft des nordelbischen Predigerseminars in Ratzeburg, die zu einer gemeinsamen Ausbildungsstätte zusammenwachsen sollen und wollen. Zunächst geht es darum, eine gemeinsame Prüfungsordnung für das Zweite Theologische Examen zu erarbeiten. Dann muss ein gemeinsamer Ausbildungsplan geschaffen werden. Und dann ist da noch die Frage nach dem oder den Orten des Predigerseminars der Nordkirche.
Ein Seminar mit zwei Standorten
Hubertus Hotze ist sich sicher: Die drei vorgesehenen Ausbildungsgruppen mit jeweils 16 Vikaren innerhalb von zwei Jahren brauchen sowohl das Haus in Ratzeburg wie auch das in Ludwigslust. Allerdings, so bemerkt er, sind in Ratzeburg die Mitarbeiter des Predigerseminars und die Vikare nur Gäste im Haus des dortigen Pastoralkollegs auf der Dominsel. Dagegen sind die Vikare in Ludwigslust beides: Gäste und Gastgeber. Dazu kommt die besondere Identifikation mit der „eigenen“ Stiftskirche nebenan sowie mit der „Gemeinde auf Zeit“ aus Vikaren, Patienten und Klinikpersonal.
Es gibt die Idee, künftig drei Ausbildungsgruppen räumlich zusammenzufassen – auch, um die nötige sorgfältige Begleitung der Vikare und Mentoren durch die Mitarbeiter des Predigerseminar zu gewährleisten: So soll es alle zwei Jahre jeweils eine Vikariatsgruppe geben, deren Ausbildungsgemeinden nördlich des Nord-Ostsee-Kanals liegen. Eine zweite Gruppe wird in Ausbildungsgemeinden entlang der A 20 zwischen Lübeck und Neubrandenburg eingesetzt und eine dritte Gruppe in Ausbildungsgemeinden entlang der A 24 zwischen Hamburg und Parchim.
Doch nicht nur die Vikare als erste gemeinsame Pastorengeneration der Nordkirche sollen ins Gespräch kommen. Durch den Austausch in den bisherigen fünf Jahren „Kooperationskurs“ seien auch die Mentoren sensibler geworden für die kirchliche Wirklichkeit diesseits und jenseits von Schaalsee und Wakenitz. Auch wenn es in jeder der drei Landeskirchen erhebliche Unterschiede zwischen einzelnen Regionen gibt – so ist es für Rektor Hotze eine „Tatsache: im Osten ist es viel selbstverständlicher, dass Predigten auch einen gesellschaftlich-politischen Bezug haben“.
„Da wächst was zusammen“
Jetzt, nach fünf Jahren gemeinsamem Kooperationskurs, so rechnet Hubertus Hotze vor, kennen sich bereits 40 junge Theologen aus Mecklenburg und Pommern und 80 aus Nordelbien. „Da wächst was zusammen“, findet der Rektor. Einer der Vikare, die schon ganz selbstverständlich im Austausch mit ihren nordelbischen Kollegen leben, ist Christian Lange aus der Kirchgemeinde Sanitz bei Rostock. Für ihn war der „Kooperationskurs“ eine wichtige Erfahrung: So habe das Wort „Gruppenarbeit“, das bei einer Kursgröße von sieben Vikaren aus Mecklenburg und Pommern ein bisschen komisch klinge, bei einer Kursgröße von 18 Teilnehmern ein neues Gewicht bekommen.
Interessant fand er, dass in den Gesprächen die große Vielfalt an Gemeindeprofilen zur Sprache kam, die dann bei den Gemeindebesuchen im letzten Sommer konkret wurden. Manches wirkte dabei auch befremdlich: „Es ist ein großer Unterschied, ob ich Religionsunterricht an einer Schule in Sanitz oder in St. Pauli mit vielen Ausländerkindern erteile.“
Nein, nordkirchenkritisch seien die Vikare kaum, erklärt Lange auf Nachfrage: „Uns beschäftigen die Kirchenkreisreformen viel mehr als die Fusionsgespräche.“ Gegenseitige Vorbehalte gibt es kaum noch, bekräftigt Rektor Hotze: „Über die Jahre ist vieles selbstverständlicher geworden – heute besuchen sich Vikare aus Ost und West auch unabhängig vom Predigerseminar.“
Tilman Baier
Aus: Mecklenburgische und Pommersche Kirchenzeitung
Ausgabe vom 1.8.2010








