Nordkirche im Ostseesturm - Entscheidung der Synoden über Fusionsvertrag weiter offen
Hamburg (epd). Im Frühjahr sind die Stürme an Norddeutschlands Küsten besonders heftig. Die Nordkirche, der geplante Zusammenschluss der Landeskirchen Nordelbien, Mecklenburg und Pommern, kämpft derzeit mit heftigem Gegenwind. Ende März werden die drei Synoden (Kirchenparlamente) über den Fusionsvertrag entscheiden. Ob die Nordkirche diese Klippen umschifft und sicher in den Hafen einläuft, ist derzeit ungewiss.
Anlass für den Bau der Nordkirche war neben allen Visionen und bestehenden Kooperationen ein Konflikt: Bis Anfang 2007 noch hatten die beiden Landeskirchen Mecklenburg und Pommern allein über eine gemeinsame Kirche verhandelt. Doch dann orientierte sich eine einflussreiche Gruppe der Pommern in Richtung Süden und suchte Anschluss an die Kirche von Berlin-Brandenburg.
Die Nordelbische Kirchenleitung hörte den Hilferuf des pommerschen Bischofs Hans-Jürgen Abromeit und erkannte die historische Chance. In der Hoffnung, zu dritt gehe es besser als zu zweit, lud sie die drei Kirchenleitungen ohne Synodenbeschluss kurzerhand zu Sondierungsgesprächen ein. Norddeutsche Frömmigkeit und die Backsteingotik wurden als Gemeinsames entdeckt. Ohnehin war Pommern Nordelbiens langjährige Partnerkirche, und gemeinsame Nord-Projekte wie die Aus- und Fortbildung in Ratzeburg liefen bereits.
Verlockend schien vor allem die Struktur der Nordelbischen Kirche. Verglichen mit anderen Landeskirchen sind die Kirchenkreise sehr selbstständig. Mecklenburger und Pommern müssten daher ihre Traditionen und Prägungen nicht aufgeben und wären als eigenständige Kirchenkreise Teil der Nordkirche.
Ein ehrgeiziger Zeitplan wurde entworfen. Lübecks Bischöfin Bärbel Wartenberg-Potter setzte zudem als Vorsitzende der Steuerungsgruppe auf gleichberechtigte "Verhandlungen auf Augenhöhe", obwohl Nordelbien 2,1 Millionen, Mecklenburg rund 200.000 und Pommern nur etwa 100.000 Christen zählt.
Drei Untiefen mussten die drei Kirchenleitungen im Fusionsvertrag bewältigen, der während einer Kirchenleitungssitzung am 5. Februar im Ratzeburger Dom beschlossen wurde: Finanzen, Arbeitsrecht und Standorte. Aufgrund der Vereinbarung im Fusionsvertrag stellen alle nordelbischen Kirchenkreise 4,87 Prozent ihrer Einnahmen zur Verfügung. Dies entspricht einer Mehreinnahme für Mecklenburg in Höhe von ca. 5,2 Mio Euro und die Pommersche Kirche hat daraus 4,5 Mio Euro Mehreinnahmen. In Nordelbien werden weiterhin Gewerkschaften und kirchlicher Arbeitgeberverband über Gehälter und Urlaub verhandeln. Mecklenburg und Pommern wollen dagegen am "Dritten Weg" festhalten, bei dem die Kirchenleitungen mit Vertretungen der Mitarbeiter verhandeln.
Besonders schwierig ist die Standortfrage: Nachdem Lübeck als gemeinsamer Sitz von Kirchenamt und Landesbischof am Widerstand der Mitarbeiter und den hohen Kosten gescheitert war, soll das Kirchenamt in Kiel bleiben, der Landesbischof aber seinen Sitz in Schwerin bekommen. Als Sitze der Sprengelbischöfe wurden Schleswig, Hamburg und Greifswald festgelegt. Am Reformationstag 2010 sollen sich die gemeinsame Kirchenleitung und eine verfassungsgebende Synode konstituieren. Zum 1. Januar 2012 könnte dann die "Evangelisch-Lutherische Kirche in Norddeutschland" gegründet werden. Dem Fusionsvertrag können die Synoden Ende März nur zustimmen oder ihn ablehnen.
Ein unerwartet harsches Medien-Echo kündigte das Sturmtief über der Nordkirche an. Vor allem die Entscheidung, Schwerin als Sitz des Landesbischofs zu wählen, wurde auf breiter Front abgelehnt. Selbst Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Peter Harry Carstensen (CDU) kritisierte "als Privatmann" die Standort-Entscheidung.
Mittlerweile häufen sich innerhalb der Nordelbischen Kirche die Stimmen, die die Fusion kippen wollen. Umgehend nach dem Votum der Kirchenleitungen gegen Lübeck kündigten neun enttäuschte Lübecker und Lauenburger Synodale ihr Nein zum Fusionsvertrag an. Dem schlossen sich vorige Woche die Kirchenkreise Rendsburg und Eckernförde an. Nordelbiens Pastorenvertretung lehnt die Nordkirche als "Modell von oben" ab, dem die theologischen Grundlagen fehlten. Die Synodalen der Mitarbeitervertretungen wollen dagegen stimmen, weil den Ostdeutschen von ihren Kirchenleitungen das Tarifrecht verweigert werde.
Problematisch ist angesichts der drohenden Meuterei, dass sich innerhalb eines halben Jahres die Kommandobrücke des Nordkirchen-Schiffs spürbar geleert hat. Bischof Hans Christian Knuth (Schleswig) und Bischöfin Wartenberg-Potter sind im September aus Altersgründen von Bord gegangen, Nordelbiens Synodenpräsident Hans-Peter Strenge pausiert aus gesundheitlichen Gründen. Hamburgs Bischöfin Maria Jepsen hält sich mit ihrem Engagement für den Fusionsvertrag zurück, weil sie seit Oktober 2008 auch für Lübeck zuständig ist. Nahezu allein kämpft sich somit der neue Vorsitzende der Kirchenleitung, Bischof Gerhard Ulrich, durch den Sturm und versucht das Nordkirchen-Schiff vor dem Untergang in der Synode zu retten.
Von Thomas Morell (epd).
(19.3.2009)



