Bischof Gerhard Ulrich (Schleswig) zur Nordkirche: „Missionarische Bereicherung“
Schwerin (kiz). Am letzten Märzwochenende sollen die Kirchenparlamente von Mecklenburg, Nordelbien und Pommern über den Vertrag zur Fusion zu einer gemeinsamen Nordkirche abstimmen, den die drei Kirchenleitungen am 5. Februar in Ratzeburg unterzeichnet hatten. Nach den Gesprächen über den vorliegenden Vertrag mit Mecklenburgs Landesbischof Andreas v. Maltzahn, Pommerns Bischof Hans-Jürgen Abromeit lesen Sie nun das Gespräch mit dem Vorsitzenden der nordelbischen Kirchenleitung, Bischof Gerhard Ulrich (Schleswig). Die Fragen stellte Tilman Baier.
Herr Bischof, warum haben Sie den Fusionsvertrag unterschrieben?
Ich bin davon überzeugt: Wir sind jetzt so weit miteinander gekommen, dass wir eine Kirche im Norden bilden können und sollen. Der vorliegende Vertrag wird den Weg zu einer tragfähigen Verfassung öffnen, die dann die Stimme des Evangeliums und des Protestantismus im Norden stärken wird. Wir hatten den Auftrag unserer Nordelbische Synode, verbindliche Verhandlungen zu führen. Zielvorgabe: eine gemeinsame Kirche im Norden. Diesen Auftrag hat die Kirchenleitung erfüllt. Es ist klar, dass solche Verhandlungen nicht einfach sind – ähnlich wie Koalitionsverhandlungen. Aber alle haben sich gerade am Ende noch einmal bewegt. Der Fusionsvertrag ist ein sehr ausgewogener Kompromiss und wird der langen Partnerschaft und überaus erfolgreichen Kooperation zwischen unseren Kirchen eine neue und verbindlichere Form geben.
Was waren die besonderen Knackpunkte bei den Verhandlungen und wie sehen Sie im Rückblick den Weg bis hierher?
Auf einer Reihe von Gebieten haben wir unterschiedliche Auffassungen und Vorprägungen entdeckt. Das kann nicht anders sein, wenn Partner mit so verschiedenen „Lebensgeschichten“ im Gepäck aufeinander zugehen. Es ist wichtig, auch die Differenzen zu sehen und anzunehmen.
Und wir haben gelernt und geübt, mit den Augen der Partner auf das Neue zu sehen. Das brauchte viel Zeit, Kraft und Phantasie. Immer wieder sind wir aufeinander zugegangen und haben uns, manchmal millimeterweise, kontinuierlich genähert. Alle haben sich bewegt, und jetzt haben wir eine solide Brücke gefunden. Zum Schluss waren es die Themen Arbeitsrecht und Besoldungsangleichung sowie die Standortfragen, die uns Kopfzerbrechen gemacht haben. Aber wir konnten einen guten Weg gehen, den die drei Synoden nun bewerten müssen.
Warum gab es nun noch Veränderungen im Vertragstext und wie ist es dazu gekommen?
Der Wortlaut des Vertrags stand wegen der noch offenen Punkte bis zum Schluss nicht fest. Unsere Partner haben deutlich gemacht, wie sehr ihnen daran liegt, dass die „Stimme des Ostens“ in einer gemeinsamen Kirche stärker Gehör findet, als der erste Entwurf dies zeigte. Und welche hohe Bedeutung Orte dafür haben, dass sie ihre Identität in der neuen Kirche wiederfinden können, inhaltlich und strukturell. Wir haben versucht, dem Rechnung zu tragen – genauso, wie unsere Partner unserer „Lebensgeschichte“ und Identität entgegen gekommen sind und sich kompromissbereit gezeigt haben.
Warum war der mühsam ausgehandelte Kompromiss - Lübeck als gemeinsamer Standort von Kirchenamt und Kanzlei des Landesbischofs – ebenso wenig innerhalb Nordelbiens vermittelbar wie ein einheitliches, abgesenktes Gehaltsgefüge und ein gemeinsames Arbeitsrecht nach dem Prinzip des „Dritten Weges“?
Kosten in zweistelliger Millionenhöhe für den Neubau eines Verwaltungsgebäudes – das ist sehr schwer vermittelbar. Die Rahmenbedingungen – Stichworte Rezession und Finanzkrise – haben sich in den letzten Monaten dramatisch verändert. Darum hatte die Nordelbische Synode die Kirchenleitung schon im September 2008 beauftragt, das Junktim von Landeskirchenamt und Sitz des Leitenden Bischofs oder der Leitenden Bischöfin am Standort Lübeck zu überprüfen. Im Blick auf Arbeitsrecht und Besoldung komme ich auf das Thema „unterschiedliche Lebensgeschichten“ zurück – diese Dinge, genauso wie eine gut organisierte Mitarbeiter- und Pastorenschaft, gehören zur nordelbischen Lebensgeschichte und zu unserer bewährten kirchlichen Binnenkultur dazu.
Gerade die Besoldung der Pastorinnen und Pastoren ist immer wieder Gegenstand von Einschnitten gewesen: junge Pastorinnen und Pastoren haben jeweils für drei Jahre auf ein Viertel ihres Gehalts verzichtet, um dem Nachwuchs Plätze zu verschaffen. Es hat reale Kürzungen gegeben im Bereich der Sonderzahlungen. Bei der Dienstwohnungsvergütung sind die Belastungen gestiegen. Dazu kommt eine erhebliche Arbeitsverdichtung durch Stellenstreichungen und Reformen der letzten Jahren. Eine Gehaltssenkung für Pastorinnen und Pastoren in Folge der Nordkirche wäre weder durchsetzbar, noch gerechtfertigt.
Was hat Nordelbien davon, sich mit den beiden östlichen Landeskirchen zusammenzuschließen?
Der Protestantismus im Norden kann in Zukunft mit noch kräftigerer Stimme sprechen und Gottes Wort unter die Menschen bringen. Ich sehe den großen Gewinn für uns in den sehr anderen Erfahrungen, die die beiden östlichen Kirchen einbringen können. Als Minderheitskirchen in einem kirchenfremd geprägten Umfeld haben sie uns manches voraus. Nordelbien lebt in vieler Hinsicht noch von seinen volkskirchlich gewachsenen Strukturen. Aber wir sollten uns nichts vormachen – in manchem Bereich in Hamburg ist der Prozentsatz evangelischer Kirchenmitglieder nicht viel höher als in Mecklenburg oder Pommern. Kirche-Sein in einem nach-volkskirchlichen Umfeld – da können wir eine Menge dazulernen.
Argumente gegen die Nordkirche in Nordelbien sind u.a. der bei Ihnen laufende Fusionsprozess von Kirchengemeinden, Kirchenkreisen und Sprengeln, der unter dem Motto „Kosteneinsparung“ läuft. Ist Nordelbien im EKD-Ranking eine arme Kirche?
Wer oder was arm ist, hängt vom Maßstab ab. Sicher gehört Nordelbien im Blick auf die EKD nicht zu den Superreichen. Absehbar ist auch, dass wir in den nächsten Jahren und Jahrzehnten mit deutlich weniger finanziellen Mitteln auskommen müssen. Schon jetzt haben Gemeinden und Kirchenkreise Mühe, ihren Bestand zu halten – darum die Reformanstrengungen seit 2003, die Kosten einsparen sollen. Deshalb besteht auch eine Sensibilität im Blick auf weitere finanzielle Belastungen, die durch die Nordkirche in unseren Gemeinden und Kirchenkreisen entstehen. Aber ich bin stolz, dass unsere Kirchenkreise sich bereit erklärt haben, einen Solidarbeitrag für die Aufgaben der neuen Kirche zu leisten. Solidarität und Geschwisterlichkeit waren stets Kennzeichen in der Nordelbischen Kirche. Wir sind im Gegenzug darum bemüht, diese finanziellen Belastungen so gering wie möglich zu halten.
Im Übrigen ist mein Eindruck, dass sich viele Widerstände gegen das Tempo richteten. Entschleunigung wurde von vielen gefordert.
Darum die Atempause bis jetzt, darum unser nordelbischer Anhörungsprozess im letzten Jahr. Darum auch mein Hinweis, dass der Fusionsvertrag kein Abschluss ist, sondern der Anfang des Weges auf eine neue Kirche im Norden zu.
Wo sehen Sie die Stärken und die Schwächen der drei beteiligten Kirchen?
Ich spreche ungern von Schwächen. Ich rede lieber von verschiedenen Gaben Gottes, den "Talenten" des Gleichnisses, die er zur Entfaltung kommen lassen will. Alle drei Kirchen bringen eine reiche Lebensgeschichte, eine starke Tradition und Kultur mit ein. Vieles verbindet uns – nicht nur Bachsteingotik und heimelige Dorfkirchen auf dem Lande, nicht nur Bugenhagen, Plattdeutsch und norddeutsche Barockorgeln. Die Entwicklungspfade seit 1945 haben noch einmal neue Prägungen geschaffen.
Für mich ist die Vielfalt des Glaubenslebens in den Gemeinden, die Vielfalt der Verkündigung in Wort und Tat ein Schatz und keine Schwäche. Das gilt für Nordelbien, wie für Mecklenburg und Pommern und wird in noch höherem Maße für unsere neue Kirche im Norden gelten. Wir werden zusammenbringen, was zu uns gehört. Ganz im Sinne des Apostels: „So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger und Hausgenossen, erbaut auf den Grund der Apostel und Propheten, da Jesus Christus der Eckstein ist, auf welchem der ganze Bau ineinandergefügt wächst zu einem heiligen Tempel nin dem Herrn“. Das ist meine Vision: Das Volk Gottes miteinander unterwegs, eine Lernbewegung, wo einer den oder die andere versteht und bejaht als "lebendigen Stein" im gemeinsamen Haus - von eigener Art und Stärke, mit eigenem Profil, Prägung und Energie.
Was macht Ihnen Sorge, wenn Sie an das Miteinander in einer Nordkirche denken?
Dass es uns so gehen könnte wie bei der politischen Vereinigung und wir auch in zwanzig Jahren immer noch in den alten Kategorien von „Hüben“ und „Drüben“, in den Begriffen von „Nordelbien“, „Mecklenburg“ und „Pommern“ denken
.
Welche geistlichen Gesichtspunkte sprechen für eine geplante Nordkirche?
Wir sollten uns vor der Verführung hüten, die Fusionsvorgänge geistlich zu überhöhen. Es gibt keine Theologie der Strukturen oder der Landeskirchen. Es gibt ein je eigenes Selbstbewusstsein, wie der Glaube gewachsen und in Form gekommen ist in den Jahren der Trennung und der Partnerschaft. Aber die Zeit der Kleinteiligkeit muss überwunden werden. Professor Beintker hat es beim Synodaltag in Lübeck treffend ausgedrückt: es kommt darauf an, dass aus den Partnerschaften eine partnerschaftliche Kirche wird. Dazu erbitten wir Gottes guten Geist. Damit wir Strukturen schaffen, die dem Geist der Liebe und der Versöhnung dienen.
Was haben die Gemeinden von alledem?
Bis vor zwanzig Jahren gab es intensive Gemeindepartnerschaften zwischen Ost und West. Das war Horizonterweiterung für alle Beteiligten, - auch Relativierung mancher Selbstverständlichkeiten. Ich denke, hier liegen Anliegen und Aufgabe der Fusion zu einer Nordkirche: dass durch das Miteinander der bisher unterschiedlich gegangenen Wege eine missionarische Bereichung für die kirchliche Arbeit geschieht. Indem wertvolle Erfahrungen aus Ost und West zusammenkommen, liegt darin die Chance, für unsere
Arbeit in den Gemeinden neue Gestaltungs- und Zeugnismöglichkeiten zu eröffnen.
Wird die Nordkirche kommen?
Wir Christenmenschen leben aus Hoffnung. Hoffnung auf den, der uns leitet und führt. Und der unseren Fuß nicht gleiten lassen wird. Insofern bewege ich mich im Horizont der Hoffnung.
Aus: Mecklenburgische und Pommersche Kirchenzeitung
Ausgabe vom 15.3.2009




